Man kann sich dieser Tage ja kaum gegen die kickenden Damen mit ihrer Weltmeisterschaft wehren. Wohin man auch sieht und hört, die deutschen Medien quellen geradezu über vor Berichterstattungen, Interviews und Werbemaßnahmen. Es ist ja auch verständlich, denn schließlich ist Fußball des Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung. Naja, eigentlich ist das hier ja kein Fußball, es ist Frauenfußball und bevor ich jetzt hier vom Lynchmob hinweggefegt werde, will ich das mal relativieren: Frauen können Fußball spielen, aber kein Schwein guckt sich das vor Ort an, weil bei der breiten Masse der Fans einfach kein Interesse da ist.
Diese absolut nicht bewiesene These beruht auf diversen Beobachtungen und vollkommen subjektiven Vergleichen 😉 Da ist erstmal die Medienpräsenz. ARD und ZDF scheinen einen unglaublichen Etat erhalten zu haben, um für eine erfolgreiche WM im eigenen Land zu sorgen. In regelmäßigen Abständen laufen Sendungen, welche Spielorte, Spielerinnen, potentiell starke Gegner und Ähnliches vorstellen. Den Kickerinnen in Aktion kann man sich ebenfalls kaum entziehen da vor jedem größeren Ereignis der Herren auf deutschem Boden – egal ob national oder international – quasi als Vorprogramm ein Spiel für die Damen angesetzt wurde. Damit sich das auch medial lohnt wurde jedes Spiel selbstverständlich live übertragen. Nimmt man noch sämtliche Wiederholungen jedes noch so uninteressanten Spiels auf Sport1 dazu, kommt man bereits auf einige Stunden, in denen die Damen versuchen uns zu beglücken.
Auch die deutsche Werbelandschaft hat die Fußballdamen für sich entdeckt. Mir sind zwar die Produkte entfallen und ich bin mir nicht mal sicher, ob es sich wirklich um deutsche Nationalspielerinnen handelt, aber solange das FIFA-Logo und der WM-Termin zu sehen sind wird das schon passen. Letztlich ist mir am Kiosk noch die aktuelle Ausgabe des deutschen Playboys ins Auge gefallen: Selina Wagner, Julia Simic, Annika Doppler, Kristina Gessat und Ivana Rudelic, die vermeintlich fünf attraktivsten Spielerinnen der deutschen Nationalmannschaft und echt knackige Mädels (wer kennt sie nicht?), zieren das Cover und präsentieren sich mehr oder weniger freizügig auf 13 Seiten des Herrenmagazins. Man macht eben alles, um eine positive Meinung zu den Fußballdamen zu erhärten 😉
Das ist allerdings alles kein Vergleich zur letztjährigen 24-Stunden-Berichterstattung, als ein gewisser Herr Balack wegen einer akuten Verletzung nicht am großen Turnier teilnehmen konnte. Es ist auch zumindest bemerkenswert, dass die Fußballsektion von sportschau.de weniger als 2 Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen lieber das Konterfei von Felix Magath und fünf weitere Kompaktmeldungen zum Herren-Fußball zeigt, bevor die Nachrichten zu den Damen präsentiert werden. Auch Google scheint nicht besonders von der WM 2011 angetan zu sein. Sucht man schlicht nach „Fußball WM“ findet man zuerst drei Einträge zu den Herren, von denen einer sogar noch zur vergangenen WM in Südafrika gehört. Erst die News auf Platz 4 berichten über Aktuelles und irgendwo auf Platz 6 erscheint dann der passende Wikipediaeintrag.
Einschalten für den Trikottausch?
Und worauf will ich hinaus? 2010 hatten wir eine Eishockey-WM im eigenen Land. Sämtliche Hallen waren für nahezu jedes Spiel ausverkauft und schon das Eröffnungsspiel in der Arena „Auf Schalke“ vor fast 80 000 Menschen wäre eigentlich mehr als eine Fußnote in den Sportnachrichten wert gewesen (Deutschland schlägt den Mitfavoriten USA). Deutschland ist 2010 erst im Halbfinale gescheitert, was schon sensationell war. Ich bin fest davon überzeugt, dass es in Deutschland mehr Eishockey- als Frauenfußball-Fans gibt, vor allem auch nach dem tollen Turnier der Deutschen Eishockeycracks in diesem Jahr. Diese Mannschaft, Eishockey im Allgemeinen und die Fans im Besonderen hätten einen größere Medienpräsenz verdient. Warum also wird der Medienrummel um die Fußballerinnen derartig aufgeblasen? Zweites Sommermärchen – ich lach‘ mich kaputt. Ich bin ja wirklich kein Fußballfan, aber das eine oder andere Spiel schaue ich mir zumindest mal für eine Halbzeit an. Wenn ich aber die leeren Ränge beim höchstklassigen Frauenfußball anschaue, glaube ich nicht, dass diese WM den erhofften Hype auslösen wird. Und sind wir mal ehrlich: Durch den Einsatz von Männermagazinen wirbt man doch hauptsächlich die Männer, die ohnehin nur auf den Trikottausch warten.
Heute geht’s um die Platzierung für das Viertelfinale, heute sind wir alle Fans der Russen! Deutschland ist zwar sicher qualifiziert, aber wenn es die Jungs auf den zweiten Platz der Gruppe schaffen, kann ein Viertelfinalgegner wie Kanada oder Schweden vermieden werden. Was kann also passieren, was muss passieren, was sollte besser nicht passieren? Fakt ist, dass es die Deutschen nur mit Schützenhilfe aus der Partie Finnland gegen Russland auf Platz 2 schaffen. Und die Russen müssen punkten, egal wie!
Schauen wir zuerst zuerst auf das, was Deutschland braucht, um Platz 2 zu erwischen.
Drei Konstellationen sind hier möglich:
– Deutschland schlägt Tschechien in der regulären Spielzeit und sackt 3 Punkte ein. Finnland muss dann allerdings Russland erst in der Verlängerung oder im Penaltyschießen schlagen, also 2 Punkte holen.
– Deutschland schlägt Tschechien in der Verlängerung oder mit dem „Game Winning Shot“ und holt damit 2 Punkte. Russland müsste dazu vorher Finnland schlagen, egal wie.
– Deutschland verliert gegen die Tschechen in der OT und bekommt einen Punkt. Dann müsste Russland in der regulären Spielzeit gegen Finnland gewinnen.
Was sollte nicht passieren?
Sollte Russland gegen CZE in 60 Minuten gewinnen, sollten die Deutschen mindestens einen Punkt holen. Verliert Deutschland bei einem glatten Sieg der Russen, rutscht das Team auf Platz 4 der Gruppe ab.
Was darf aus deutscher Sicht nicht passieren?
– Finnland gewinnt gegen Russland in regulärer Spielzeit. Das ist der einzige Fall, in dem die DEB-Auswahl nichts mehr ändern könnte und schon vor dem Spiel den dritten Platz der Gruppen belegen würde.
So wichtig es gestern also war, dass Russland verliert, so wichtig ist es, dass sie heute irgendwie punkten. Ohne das wird das Abendspiel Deutschland – Tschechien zum Schaulaufen degradiert.
Und zwar so gut wie noch nie. Die Zahlen und Statistiken wurden von den Medien ja mittlerweile mehrfach durchgenudelt, aber man muss es sich doch mal auf der Zunge zergehen lassen:
– Der erste Sieg gegen Russlang bei einer WM seit 57 Jahren
– Der erste Shut Out gegen Russland überhaupt
– Ein Sieg gegen den Gastgeber und Mitfavorit Slowakei
– Noch ein Sieg gegen Slowenien
– Der beste WM-Start seit mehr als 80 Jahren
Das ganze funktioniert ohne Superstars, was auch die Teamstatistik zeigt. Haben andere Mannschaften Ihre Top-Scorer als Dreh- und Angelpunkt in ihrem Spiel, verteilen sich bei den Deutschen Vorlagen und Tore auf alle Spielreihen und mehrerer Spieler. Lediglich die Torhüter – allen voran der MVP der WM 2010 Dennis Endras – glänzen durch hervorragende Fangquoten über 95%. Es ist zwar immer toll ein Eishockey-Fan zu sein, aber seit letzter Woche macht es doppelt so viel Spaß wie sonst 🙂 Ich baue mein kommendes Wochenende gerade um die Spiele mit deutscher Beteiligung und bin ganz froh, dass heute und morgen bereits um 16:15 Uhr das erste Bully ist und es am Montag feierabendtauglich erst um 20:15 Uhr weitergeht.
Und was ist das Geheimnis? Harte Arbeit des Teams und Konsequenz unseres Bundestrainers Uwe Krupp. Vor 6 Jahren hat er ein schweres Erbe angetreten und im Prinzip bei Null angefangen. Er musste viel Kritik einstecken und war auch nicht zuletzt durch persönlicher Schicksalsschläge im Prinzip schon zurückgetreten. Die vergangene WM wurde noch als Wundertüte abgetan, aber spätestens jetzt zeigt sich, dass Uwe Krupp viele Dinge einfach richtig gemacht hat und jetzt eine Mannschaft ins Turnier schickt, die laut Erich Kühnhackl „die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten“ ist. Auch wenn ich als Haiefan froh über seinen Wechsel zur sportlichen Leitung nach Köln bin, kann ich nur frei nach Xavier Naidoo sagen: Uwe bleib, wir verdoppeln dein Gehalt!
So, in einer Stunde geht’s gegen Finnland und ich bin gespannt, wie sich die Jungs von „oos Uwe“ präsentieren. Hab ich schon erwähnt, dass Eishockey intensiver ist? 😉 Jaaaaaa, natürlich! Jetzt hat man wenigstens die Möglichkeit live im Free-TV dabei zu sein. Und damit keiner vergisst, wie geil ein Sieg gegen einen Favoriten ist, ist hier nochmal der Sieg gegen die USA aus dem Eröffnungsspiel 2010 von den Stehplatzrängen auf Schalke. Tor, kein Tor? TOOOOOOOR!


